ES BLEIBEN DIE ERINNERUNGEN!

Im «Rössli» ist eine Ära zu Ende

Sylvia und Alois Rechsteiner verlassen das Ländlermusik- und Speiserestaurant an der Weissbadstrasse

Am 27. Februar verabschieden sich Sylvia und Alois Rechsteiner-Baumann vom Restaurant Rössli an der Weissbadstrasse in Appenzell und ihren Gästen. 38 Jahre haben sie das weitherum als Ländlermusiklokal bekannte und beliebte Restaurant geführt. Nun hängen sie den Wirteberuf an den berühmten «Nagel».

Im Frühling 1978 haben Sylvia und Alois Rechsteiner «s Rössli a de Wissbadschtross » in dritter Generation übernommen und in der Folge mit viel Einsatz und fast noch mehr Herzblut erfolgreich geführt. Fast 100 Jahre, seit 1920, befand sich die Liegenschaft – mit Restaurant und bis in die 1980er-Jahre angegliederter Fuhrhalterei – im Besitz der Familie Rechsteiner. Altershalber ziehen sie sich nun ins Privatleben zurück. Und nachdem sich in der Familie keine Nachfolgeregelung finden liess, wurde die Liegenschaft im vergangenen Jahr verkauft.

Lachendes und weinendes Auge
Lachenden und weinenden Auges verlassen die beiden Wirtsleute das «Rössli »: Zum einen fällt ihnen der Abschied schwer, geht nun doch die Ära Rechsteiner zu Ende, zum anderen freuen sie sich darüber, dass die benachbarte «Brennerei » das Restaurant möglichst in Rechsteiners «Sinn und Geist» weiterbetreiben (lassen) will. Zudem bestanden seit jeher gute nachbarschaftliche Beziehungen zwischen Rechsteiners und der «Appenzeller Alpenbitter»-Produzentin. Allerdings ist noch nicht bestimmt ab wann und unter welcher Leitung das «Rössli» wieder geöffnet wird.

Erfolgsgeschichte
In den vergangenen knapp 40 Jahren ist es Sylvia und Alois Rechsteiner gelungen, ihrem «Rössli» zu seinem mittlerweilen legendären Ruf zu verhelfen. Angefangen bei der Bewirtung der Gäste, die man auch als «Familienanschluss» bezeichnen könnte, über ein breites kulinarisches Angebot an gutbürgerlicher Küche in «Fuhrmannsportionen» zusammen mit Spezialitäten wie Metzgeten oder vor allem den über die Fasnachtszeit heiss begehrten «Wiener Backhendel» bis hin zum weit verzweigten Netzwerk in der Schweizer Ländlermusikszene. Kaum eine «Ländlermusikanten-Grösse», die in diesen vier Jahrzehnten nicht im «Rössli» aufgespielt hat; dem «Rössli» oder seinen Wirtsleuten gewidmete Kompositionen zuhauf belegen dies.

Drei «Hochzeiten»
«Höckle» in geselliger (Stammtisch)Runde, Schmackhaftes aus der Küche – darunter auch «Exotisches» wie asiatisch aus dem Wok auf dem Tisch oder Sylvias Riesencrevetten – und ein abwechslungsreiches Ländlermusikprogramm: Diese drei «Hochzeiten» waren Sylvia und Alois Rechsteiner immer wichtig. Sie forderten aber auch ihren Tribut – 12- bis 16-stündige Arbeitstage waren keine Seltenheit. Ländlermusik stand und steht bei Beiden klar an erster Stelle. So waren sie auch sofort Feuer und Flamme, als im Nachgang zum Eidgenössischen Ländlerfest 1995 in Appenzell am «Rössli»-Stammtisch die Idee für das Appenzeller Ländlerfest geboren wurde, das nun seit 20 Jahren stets tausende Ländlermusikfreunde und unzählige Formationen nach Appenzell und ins an diesen Tagen jeweils durchgehend geöffnete «Rössli» lockt. Aber nicht nur die arrivierten Stars der Szene waren bei Rechsteiners immer willkommen: Zahlreiche Jung- und Nachwuchsformationen hatten über all die Jahre hier ihre ersten öffentlichen Auftritte und wurden von Sylvia und Alois mütterlich und väterlich umsorgt und gefördert. «Manche dieser Jungmusikanten waren für uns beinahe wie eigene Kinder», sagen sie nicht ohne Stolz. Und einige von ihnen haben es mittlerweile auch zu überregionaler Bekanntheit gebracht wie etwa Frowin Neff, der in den letzten Jahren für das Musikprogramm besorgt war. Und die «Kinder» zeigten sich dankbar dafür: In ihrem letzten Wirtejahr haben sich für die monatlichen «Donnschtigs-Losi» diverse frühere Formationen noch einmal zusammen getan, um sich musikalisch von Rechsteiners zu verabschieden, oder andere überraschten ihre «Musik-Eltern» mit spontanen Stobeden.

Aktiver Ruhestand
Das ist nun Geschichte. In den nächsten Tagen verlassen Sylvia und Alois Rechsteiner zwar das «Rössli», nicht aber die Weissbadstrasse. Wenige Meter weiter beziehen sie ein neues Zuhause, von wo aus sie verschiedene «Projekte» in Angriff nehmen wollen, die bisher zu kurz gekommen waren, wie Ausflüge oder Reisen. Und sie freuen sich darauf, künftig mehr Zeit für ihre eigenen Kinder und Enkel zu haben. Und da ist auch noch die Alphütte, die sie künftig häufiger geniessen können. Aber «auf der faulen Haut liegen» wollen und können sie nicht: Frühaufsteher Alois wird morgens weiterhin bei Tochter Damaris und Schwiegersohn Roman die Eier ausnehmen und Sylvia freut sich darauf, beim «Alpenbitter» gelegentlich Betriebsführungen und Degustationen zu begleiten.